November 20

Von göttlichen Begegnungen und Glauben im Alltag

(Dieser Blogartikel aus 2019 wurde liebevoll überarbeitet und neu veröffentlicht.)

Glaube (im religiösen oder spirituellen Sinne) ist für mich tief im Alltag verwurzelt und nicht auf einen Kirchgang in der Woche und zu Weihnachten beschränkt. Früher war ein vor dem Essen gesprochenes Gebet eher eine allgemeine Pflicht, heute zeugt es meist von wahrer Dankbarkeit – sich Zeit zu nehmen für ein kurzes Innehalten. Für mich bedeutet Spiritualität, die Göttlichkeit in jedem Augenblick wahrzunehmen und an diese Wahrnehmung auch meine Entscheidungen, ja meinen Alltag auszurichten.

Nun geht es für mich nicht darum, ob ich nun einen riesigen Thorshammer um den Hals trage oder mich in der hiesigen Heidengemeinschaft wirkungsvoll und öffentlich zeige. Für mich geht es darum, die Götter an meinem Leben teilhaben zu lassen. Gebet, Rituale und verbindliche Werte gehören für mich ebenso dazu, wie achtsam mit der Umwelt umzugehen und nett zu meinem Nachbarn zu sein.

Vor einiger Zeit las ich eine tolle Geschichte, die ich gern mit Euch teilen möchte:

Hättet Ihr ihn erkannt?

An einem warmen Tag in einer kleinen Stadt saßen zwei Männer an einer Bushaltestelle. Ein zufälliger Passant hätte sie nicht weiter beachtet. Einer trug eine nicht mehr ganz saubere Khaki-Hose und schicke schwarze Turnschuhe. Seine obersten Hemdknöpfe waren offen und gaben den Blick frei auf ein schwarzes T-Shirt, von dem sich ein kleiner silberner Anhänger in Hammerform abhob. 
Er blickte sich wiederholt verstohlen nach dem Bus um; zwar wusste er, dass es dafür noch etwas zu früh war, doch etwas machte ihn unruhig.

Sein Gefährte sah alles andere als unruhig aus. Er lehnte sich gemütlich auf der Bank zurück; die Säume seiner abgewetzten Jeans flatterten etwas in der Brise. Er trug ein altes Sweatshirt der Minnesota Vikings, und sein großer Hut überschattete den grauen Bart bis zu den Spitzen des Hörnerhelms auf dem Sweatshirt. Die Schuhe – eine Kreuzung aus Sneakern und Stiefeln – überkrustete eine dünne Lehmschicht. Fast schien er die offensichtliche Unruhe seines Gegenübers zu genießen, während er mit seinem Gehstock spielte.

„So“, sagte der Mann in dem Vikings Sweatshirt, „Schöner Tag heute, nicht?“
„Äh, ja“, sagte der andere, zusammenzuckend, als hätte ihn jemand plötzlich aus dem Tiefschlaf geweckt.

„Und, wie heißt Du ?“, fragte der graubärtige Mann.
„Knott…“ sagte der andere, in der Hoffnung, das Gespräch mit dem komischen Alten an dieser Stelle beenden zu können, „Dieter Knott.“

„Interessanter Name“, sagte der ältere Mann. „Mir ist eben dein Anhänger aufgefallen. Bedeutet er etwas besonderes, oder trägst du ihn nur wegen der Optik?“
Dieter stotterte, er hasste diese Frage, auch wenn es nicht das erste Mal war.

„Nun… es ist etwas, äh, Spirituelles.“
„Ah“, sagte der andere „so wie… New Age, oder so?“
„Ja“, sagte Dieter und bemerkte zum ersten Mal, dass eins der Augen des andern nicht ganz richtig blickte, vielleicht ein Glasauge, „so was in der Art, es.. es hat was mit der alten skandinavischen Religion zu tun.“

„Soso. Du meinst, mit Thor und Frey und all diesen Göttern?“
„Ja“, sagte Dieter, erleichtert, dass er zur Abwechslung nicht alles komplett von vorn erklären musste, während ihn jemand mit großen Augen und offenem Mund anstarrte, als wüchse ihm ein Fisch aus dem Kopf. „Haben Sie davon gehört?“

„Ich glaube, ich hatte vor langer Zeit mal einen Kurs darüber an der Uni.“ Der Alte zwinkerte ihm mit seinem normalen Auge zu, das andere starrte Dieter reglos und durchbohrend an. „Ich wette, du weißt alles über ihre Geschichte und so weiter ?“

„Oh ja!“ Dieter wurde rot vor Aufregung. Diese Art Unterhaltung gefiel ihm. Er hatte monatelang die Eddas und Sagas studiert, hatte sich im Internet die Nächte um die Ohren geschlagen, um jedes bisschen Information aufzuschnappen. Er war bis zum Bersten angefüllt mit Wissenschaft, Zitaten und Meinungen. „Ich weiß da schon einiges über die Mythologie und Geschichte.“

Der alte Mann schien überlegen. „Nun“, sagte er, während er von irgendwoher eine braune Papiertüte her nahm, „also kennst du den Namen von Frey´s Boot?“ Er öffnete die Tüte und fing an, Körner auf dem Boden zu verstreuen.
„Na klar“, sagte Dieter. Zwei große schwarze Vögel ließen sich nieder und begannen, die Körner aufzupicken. „Freys Boot heißt Skidbladnir.“

Der andere runzelte die Stirn, als hätte er eine etwas weitschweifigere Antwort erwartet, grunzte kurz und fuhr fort: „Und du weißt wohl auch, wie Thors Hammer heißt?“
Mjöllnir„, sagte Dieter exakt.

„Und wer hat ihn gemacht?“
„Die Zwergenschmiede Brokk und Eitri.

„Und ich nehme an, Du kennst den Namen der Welt, die wie Feuer brennt?“, fragte der glasäugige Mann nachdenklich.
„Das ist Muspellheim„, sagte Dieter. Die Unterhaltung fing an, ihm richtig Spaß zu machen. Es war klasse, sich mal mit jemand zu unterhalten, der auch etwas von den Quellen verstand.

„Und die Welt aus gefrierendem Nebel?“, fragte der andere, den die Kürze und das schnelle Tempo der Antworten irgendwie zu stören schien. Einer der schwarzen Vögel krächzte.
Niflheim.“

„Wo wird die letzte Schlacht stattfinden?“
„Auf der Vigrid-Ebene.“

„Wie ist der Name von Njörd´s Frau?“
Skadi.“

„Und Du weißt, was ich mit den Reden des Hohen meine?“
Dieter dachte kurz nach, „Das Havamal.“

„Nun, Du beherrscht deinen Stoff wirklich“, sagte der graubärtige, „Du hättest damals meinen alten Prof in die Tasche stecken können, wenn Du im Kurs gewesen wärst. Und, bedeuten Dir die Götter auch was, abgesehen von der Mythologie?“
„Ja“, sagte Dieter, unangenehm berührt von dieser Wendung des Gesprächs, von der einfachen Wissenswiedergabe wieder hin zu seinen Glaubensvorstellungen. „Es ist eine Religion namens Asatru, die sich auf die alten Götter und so bezieht.“

„Das hört sich schon cool an, Junge“, sagte der Graubärtige, „und jetzt habe ich eine letzte Frage an Dich.“ Dieter sah den Alten an; die beiden Raben hoben erwartungsvoll die Köpfe. Dieters Sicht verschwamm etwas, und er sah, wie das Glasauge schwarz wie Nacht wurde, bis es gar nicht mehr da zu sein schien. Des alten Mannes Gehstock schimmerte an der Spitze wie Metall, und in dem hellen Schein schien das Sweatshirt nicht viel anders auszusehen als ein bläulicher Reisemantel. „Wer bin ich?“

Dieter schüttelte seinen Kopf und blinzelte ein paar Mal. „´Tschuldigung“, sagte er, „war irgendwie kurz abwesend. Ah… ich kenne Sie nicht, wir haben uns doch gerade erst getroffen.“

Der graubärtige Mann in dem Vikings Sweatshirt runzelte die Stirn und sah enttäuscht aus. „Tja, dann wohl nicht, Junge.“ Er stand auf und nahm seinen Gehstock. „Nun, ich muss weiter. Pass auf wegen all diesen Büchern und Artikeln, Junge, wenn Du zulange diesen gelehrten Kram liest, wirst Du noch blind.“

„Ja, vielleicht“, sagte Dieter und lachte ein bisschen gezwungen, während der einäugige Mann davon schritt. Er merkte es nicht einmal, als die zwei Raben aufflogen und ihm folgten.

© Original „Odin and the Asatruar“: Matthias Wilson

Asengott Odin

Was, wenn Gott einer von uns wäre?

Diese Geschichte hat mich sehr berührt. Ich hab mich oft gefragt, ob ich ihn erkannt hätte. Ihn – den obersten meiner Götter, den Göttervater Odin. Und was wäre überhaupt, wenn die Götter mitten unter uns wären?

„Was wäre, wenn Gott einer von uns wäre?
Nur so ein Lümmel, wie wir welche sind?
Nur so ein Fremder im Bus,
Der irgendwie nach Hause kommen will? „

Joan Osborne „One of us“

Ja, ich sauge Wissen um Mythologie und Religionsgeschichte auf wie ein Schwamm und teile dieses Wissen gern auch wieder. Stundenlang könnte ich mich über Religionen unterhalten und sicher auch viele Fragen dazu beantworten.

Und doch, so kam ich zum Schluss, bin ich mir im innersten sicher, dass ich ihn erkannt hätte. Eben weil sich meine Spiritualität nicht auf die Theorie bezieht. Schon ein paar Mal habe ich in Ritualen, aber auch im alltäglichen Trubel diese besondere göttliche Präsenz gespürt. In diesen Situationen spürte ich deutlich, dass es die Götter gibt und sie sowohl fühlbar, als auch ansprechbar sind – vielleicht sogar manchmal mitten unter uns.

Du hast selbst sicher solche Momente auch schon erlebt. Wenn Du jemandem Fremden kurz in die Augen schaust und vielleicht sogar kurz irritiert bist. Du kennst bestimmt dieses Kribbeln auf der Haut, diese besondere Energie, dieses Bauchgefühl. Dieser Moment, wenn Spannung in der Luft liegt und sich ein ganz besonderer Friede auf Deine Seele legt. Ob Du dieses besondere „etwas“ mit dem Göttlichen in Verbindung gebracht hast, weiß ich nicht. Ich sehe da aber schon einen Zusammenhang.

Mehr als nur Theorie

Für mich sind auch die Göttergeschichten keine Theorie, sondern ein Beispiel, aus dem ich lerne. Zum Beispiel habe ich aus der Geschichte um Balders Tod gelernt, was ich seitdem immer im Hinterkopf habe – und sogar im Film „Kung Fu Panda“ wunderschön formuliert hörte:

“ Oftmals begegnet man seinem Schicksal auf eben jenem Weg, den man einschlägt um es zu vermeiden.“

Master Oogway

Oder auch, dass eben nicht alles so ist wie es scheint und jeder (ganz egal ob Mensch oder Gott) seine Geschichte hat und dieser Geschichte entsprechend handelt.

Die alten Mythen sind sozusagen Hilfestellungen, damit ich ein besserer Mensch werden kann – zum Wohle der Gemeinschaft.

So definiere ich übrigens auch die Geschichten anderer Religionen wie die Bibel, die Thora und den Koran. Meiner Meinung nach sind das alles Hilfestellungen, um seinen Platz im Leben zu finden – keine Bedienungsanleitung für das Leben, die man 1:1 übernehmen kann.

Dafür muss man selbst Verantwortung übernehmen, Irrwege erkennen und voller Vertrauen und Neugier seinen Weg gehen. Und genau das macht das Leben doch so lebenswert, oder?

Stefanie Gralewski

Über die Autorin

Ich bin Stefanie Gralewski und das hier ist mein Blog. Es ist kein Anleitungsblog, nicht gefüllt mit Weisheiten oder weltbewegenden Themen. Ich teile hier meine Gedanken, Ansichten und Ideen mit dem, der es lesen möchte. Mein Alltag ist zuweilen anstrengend, magisch, nachdenklich, lustig – aber immer voller Neugier auf das Leben.

  • Das Rad muß nicht neu erfunden werden. Es geht nicht darum, daß das was geschrieben steht, 1zu1 wieder zugeben. Der Sinn liegt hinter den Worten. Ich kann ein Chemiebuch lesen, ich kann die Wörter lesen, aber ich verstehe sie nicht. So denke ich über die Lehren der Urväter, wir werden sie Schritt für Schritt verstehen und vieles werden wir nicht erklären können. Manches werden wir „verstehen“, aber erst so nach und nach die Worte dazu finden.

    • Liebe Susanne, hab Du vielen Dank, dass Du Dich drauf eingelassen hast. Schön, dass der Artikel gefällt.
      Liebe Grüße,
      Stefanie

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