Oktober 14

Von Marien, Moiren und anderen Göttinnen

In einem vorherigen Blogartikel über das Rosenkranzgebet hatte ich es ja schon versprochen: Ich schreib einen Blogartikel über Maria. DIE Maria. Ja, ich als Hexe kenne sie und finde ihre Figur unglaublich interessant.

Das Marienevangelium, eine der gnostischen Schriften (also einer der Texte, die aus politischen Gründen und verschiedener Kompromisse nicht in die Bibel aufgenommen wurden), setzt alle drei Marien, die bei Jesu
Kreuzigung anwesend waren (Maria, die Mutter von Jesus; Maria Magdalena und Maria des Kleophas), miteinander gleich, als seien sie die heidnische, dreieinige Göttin, die den Tod des heidnischen Heilands erwartet.

Genau dieses Bild findet sich in der nordischen (oder auch germanisch genannten) Mythologie, in der die drei Nornen (die Schicksalsgöttinnen) am Opferbaum Odins (der Haupt- und teilweise auch Vatergott) standen. Neun Tage und neun Nächte hing dieser, freiwillig hungernd und durstend, als Opfer am Weltenbaum Yggdrasil, um die Weisheit der Runen (magische Schriftzeichen) zu erlangen. Vorher hatte sich Odin selbst einen Speer in die Seite gestoßen, aus dessen Wunde Blut floss (auch das Bild der Speerverletzung kennen wir aus dem Kreuzigungsmythos). Dann erhielt er das Wissen um die Runen als „Belohnung“.

In nahezu allen Mythologien lassen sich Spuren der dreifachen Göttin finden, die über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft herrscht. Sie erschienen üblicherweise in Person der Jungfrau, der Mutter und der
Alten (oder auch Schöpferin, Bewahrerin, Zerstörerin).

Die weibliche Trinität nahm besonders in den europäischen Religionen viele verschiedene Gestalten an: Bei den Slawen war es die Zorya, bei den Iren Morrigane, die dreifache Guinevere oder die Brigit der Britannier.

In der nordischen Mythologie gibt es diese Dreiergruppe in Form der drei Nornen. Urd (Bedeutung: Schicksal), die älteste der drei, ist die Norne der Vergangenheit. Sie spinnt die Schicksalsfäden der Menschen. Werdandi (Werden) ist die Norne der Gegenwart. Sie bemisst diese Fäden. Skuld (Schuld) ist die Norne der Zukunft. Sie schneidet den Schicksalsfaden am Ende des Lebens eines Menschen ab.

In der griechischen Mythologie waren zwar in erster Linie die drei machtvollen Moiren die Schicksalsgöttinnen, es gab daneben aber auch andere dreifache Herrscherinnen der Zeit z. B. die Horen. Fast immer wurden sie – wie die nordischen Pendants – als Weberinnen dargestellt. Analog zu den nordischen Nornen wird der Lebensfaden von den Moiren gesponnen (Klotho), bemessen (Lachesis) und abgeschnitten (Atropos). Bei den Etruskern standen die Moiren sogar über den Göttern.

Alle diese Dreiergruppen verkörpern Aspekte einer frühzeitlichen archaischen dreifachen Göttin, deren Name Moira war und die älter als die Zeit gewesen sein soll. Das Wort Moira bezeichnete in mykenischer Zeit zunächst den Grundbesitz einer Frau und war somit ein Überbleibsel des
alten Matriarchats. Mit Moira war also ursprünglich ein zugeteiltes Stück Land gemeint und erst in späterer Zeit das „zugeteilte Schicksal“.

Die Schweden nannten das Sternbild des Orion den Spinnrocken der Jungfrau Maria – auf der Grundlage, dass die Nornen die Schicksalsfäden der Menschen spinnen.

Eine Szene aus dem Protoevangelium (die Offenbarung des Jakob) lässt eine Ähnlichkeit nicht leugnen: Maria hätte in einem Tempel einen blutroten Faden zu spinnen begonnen, als der Engel Gabriel über sie gekommen sei
und ihr Gottes Samen gebracht habe. Ebenso wurden die Fäden der griechischen Klotho als blutrot beschrieben.

Der griechische Mythos weist ebenfalls Parallelen auf: Persephone saß in einer heiligen Höhle und begann, an einem großen Bild des Universums zu weben – an dem magischen Bild, das durch die Mutter zur Realität wurde.
In diesem Moment erschien der Himmlische Vater in Gestalt einer phallischen Schlange und zeugte mit ihr den Heiland Dionysos.

Der 25. März – der heute Maria Verkündigung genannt wird – war auch der Tag, an dem die gesegnete Jungfrau Juno (römisch) ihren Retter-Sohn Mars empfangen hatte, indem sie ihre eigene magische Lilie gegessen hatte.
Deshalb ist der Monat März nach diesem Gott benannt. Der Tag wurde im Jahre 656 auf dem Konzil von Toledo offiziell als Fest der Gottesmutter christianisiert. Aber die Lilie als Attribut Marias blieb.

Genau wie in vielen vorchristlichen Religionen, wird exakt neun Monate später die Geburt der Sonne (des Lichts) und des Erlösers mit Zeremonien begangen wird.

Z. B. feierten die Syrer am 25. Dezember die Wiedergeburt des Sonnengottes durch die Himmelsjungfrau Astarte, indem laut in den Straßen verkündet wurde, dass die Jungfrau geboren hätte.

In nordeuropäischen Ländern wird heute noch am 21. Dezember die Sonne begrüßt – und mit einer Sonnenwendfeier gepriesen.

Und auch in Europa und Übersee wird am 25. Dezember (bzw. in Deutschland am Abend des 24. ) die Geburt von Jesus gefeiert.

Möchtest Du mehr zu Maria wissen? Dann kann ich Dir mein Buch „Die vielen Gesichter der Jungfrau Maria“ empfehlen.

„Am Anfang aller großen Dinge steht eine Frau.“

Horace Walpole

Stefanie Gralewski

Über die Autorin

Ich bin Stefanie Gralewski und das hier ist mein Blog. Es ist kein Anleitungsblog, nicht gefüllt mit Weisheiten oder weltbewegenden Themen. Ich teile hier meine Gedanken, Ansichten und Ideen mit dem, der es lesen möchte. Mein Alltag ist zuweilen anstrengend, magisch, nachdenklich, lustig – aber immer voller Neugier auf das Leben.

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