August 26

Wer hält den Schlüssel zu Deinem Leben?

Inhaltswarnung:

In diesem Artikel geht es unter anderem um männliche und sexualisierte Gewalt, Partnerschaftsgewalt, Femizide, Körperabwertung und die politische Kontrolle von Frauen. Gewaltszenen spare ich aus. Trotzdem können einzelne Passagen belastend sein. Bitte entscheide achtsam, ob und wann Du weiterlesen möchtest.


Dieser Artikel war so eigentlich gar nicht geplant. 

Doch dann tauchten in meinem Social-Media-Reel innerhalb weniger Tage mehrere Tradwife-Videos auf. Der Algorithmus hielt es offenbar für eine hervorragende Idee, gerade mir das anzubieten. Frauen in schönen Kleidern backten Brot, richteten das Haus her und erklärte mir mit sanfter Stimme, weshalb klare Rollen eine Ehe glücklich machen. Der Mann führt, die Frau folgt. Er sorgt für das Geld, sie sorgt für ihn. Alles weich ausgeleuchtet, sehr friedlich und harmonisch.

Gleichzeitig hielt ich meine Wahlbenachrichtigung in den Händen. Ende September wählt Berlin ein neues Abgeordnetenhaus und die Bezirksverordnetenversammlung. Die Wahlwerbungen vor meinem Haus lenkten meine Gedanken zusätzlich auf das Thema der politischen Macht. Ich dachte über Frauenbilder nach, wie schnell wir uns an Freiheiten gewöhnen und wie selbstverständlich sie sich anfühlen können. Und wie leicht wir vergessen, dass Menschen sie erkämpft haben und andere Menschen sie wieder einschränken können.

Diese Freiheit, die ich persönlich erlebe - beruflich und privat -, ist genauso brüchig wie selbstverständlich und führte mich unweigerlich zum Thema von diesem Blogartikel.

Wer hält eigentlich den Schlüssel zu Deinem Leben?

Du selbst? Dein Partner? Deine Familie? Die gesellschaftliche Erwartung an eine "gute Frau"? Eine spirituelle Gemeinschaft? Ein Mann, der angeblich genau weiß, was gut für Dich ist? Oder vielleicht sogar eine andere Frau, die Dir erklärt, wie richtige Weiblichkeit auszusehen hat?

Ich schreibe hier als Frau, Mutter, Unternehmerin, Beraterin und Hexe. Mein Blick auf Feminismus ist persönlich gewachsen. Er kommt aus meinem Leben, aus meinen eigenen Erfahrungen und aus dem, was ich seit inzwischen 20 Jahren über meinen Beruf bei Frauen beobachte. Dazu gehören auch Erfahrungen mit männlicher Gewalt und immer wieder die gleiche Erkenntnis: Weibliche Entscheidungen werden auch 2026 noch gern kommentiert, bewertet und kontrolliert.

Der Kern meiner Gedanken lässt sich kurz zusammenfassen: 

Sobald Frauen den Schlüssel zu ihrem eigenen Leben in die Hand nehmen, geraten alte Machtstrukturen ins Wanken. Genau wie Männer-Egos.

Denn Selbstbestimmung verschiebt Macht. Wer das eigene Leben gestaltet, wartet seltener auf Erlaubnis. Eine Frau mit dem eigenen Schlüsselbund in der Hand kann für Menschen, die von ihrem Gehorsam profitieren, eine ausgesprochen unbequeme Angelegenheit sein.

Der Schlüssel heißt Handlungsmacht

Wenn wir über Selbstbestimmung sprechen, entsteht schnell ein völlig unrealistisches Bild. Da steht dann eine Frau allein auf einem Berggipfel, unabhängig von allem und jedem, die Arme siegreich in den Himmel gestreckt. Vermutlich weht ihr Haar sehr fotogen im Wind. 

Mein Leben sieht anders aus.

Ich trage Verantwortung für meine Familie. Krankheit, Behinderung, Pflege und Care-Arbeit gehören zu meinem Alltag. Konflikte mit Krankenkassen und Behörden lassen sich selten mit einem hübschen Vision Board lösen. Und auch das schönste Ritual erreicht irgendwann die Grenze dessen, was sich von mir beeinflussen lässt. Bindungen, Verpflichtungen und Grenzen sind ein sehr realer Teil meines Lebens.

Gegen einige Abhängigkeiten kämpfe ich bis heute, mit anderen habe ich Frieden geschlossen und angenommen, weil die Menschen, die damit verbunden sind, zu mir gehören. Weil ich mich bewusst für diese Verantwortung entscheide. 

Dennoch bleibt mein Leben in meiner Hand. Ich kann Entscheidungen treffen, darf Grenzen setzen, meine Meinung ändern und mir Unterstützung holen. Ich besitze Handlungsmacht.

Genau darin liegt für mich der Unterschied.

Völlige Unabhängigkeit ist für mich ohnehin eine ziemlich lebensferne Vorstellung. Menschen brauchen einander. Wir lieben, versorgen, tragen, begleiten und verlassen uns aufeinander. Eine gesunde Verbindung lässt dabei Platz für zwei eigenständige Menschen. Eine gefährliche Abhängigkeit nimmt einer Person Stück für Stück die Möglichkeit zu handeln.

Von außen sehen wir diesen Unterschied manchmal kaum. Eine Frau kann zu Hause bleiben und ihr Leben sehr selbstbestimmt führen. Eine andere Frau geht jeden Morgen zur Arbeit und erlebt in ihrer Beziehung vielleicht Kontrolle, Angst und Gewalt.

Darum frage ich nicht: "Wie sieht Dein Leben aus?" Sondern: "Wer hat den Schlüssel?"

Hat die Frau Zugang zum gemeinsamen Geld? Kennt sie Verträge und Versicherungen? Werden ihre Entscheidungen respektiert? Kann sie Nein sagen? Darf sie Kontakte pflegen, sich weiterentwickeln und ihren eigenen Interessen folgen? Könnte sie gehen, wenn sie wollte?

Handlungsmacht umfasst den Teil unseres Lebens, den wir beeinflussen können. Genau dort bleiben wir wirksam.


Hekate und die Schlüssel an meinem Bund

Während ich hier gerade meine Gedanken aufschreibe, fällt mir auf, wie stimmig das Bild des Schlüssels gerade tatsächlich ist, denn es ist eins der Symbole der Göttin Hekate, die mir aktuell besonders nahe steht.

Falls Du Hekate bisher kaum kennst: Sie ist eine sehr alte Göttin, die vor allem aus der griechischen Religion und Mythologie bekannt ist. Ihre Wurzeln reichen vermutlich bis nach Kleinasien zurück. Im Laufe der Jahrhunderte wurde sie mit Magie, Nacht, Schutz, Geistern und der Unterwelt verbunden. Vor allem gilt sie als Göttin der Wege, Schwellen und Kreuzungen.

Sie begleitet Übergänge. Das kann der Weg von einem Lebensabschnitt in den nächsten sein, eine Entscheidung, ein Abschied, ein Neubeginn oder jener merkwürdige Moment, in dem das Alte bereits vorbei ist und das Neue noch keine klare Form besitzt.

Darum wird Hekate häufig mit Fackeln dargestellt. Ihr Licht reicht aus, um den nächsten Schritt zu erkennen. Den ganzen Weg wird selten auf einmal beleuchtet.

Und auch Schlüssel gehören zu ihren Symbolen. Einer ihrer überlieferten Beinamen lautet Kleidouchos, die Schlüsselträgerin. In ihrem bedeutenden Heiligtum in Lagina spielte das feierliche Tragen eines Schlüssels eine wichtige Rolle.

Hekate begegnet uns dort, wo ein Weg endet, sich teilt oder neu beginnt. Sie trägt Fackeln, weil Übergänge selten gut beleuchtet sind. Und sie trägt Schlüssel. Ihre Nähe fühlt sich für mich an, wie ein Licht an einer dunklen Wegkreuzung. Sie beleuchtet die Möglichkeiten, Wählen muss ich selbst.

Ein Schlüssel gibt Dir die Möglichkeit, eine Tür selbst zu öffnen. Was dahinter wartet, bleibt ungewiss. Vielleicht schließt Du die Tür wieder. Vielleicht bleibst Du auf der Schwelle stehen. Möglicherweise wählst Du einen völlig anderen Weg.

Hekate erinnert mich daran, dass Übergänge Mut brauchen. Meinen Schlüsselbund halte ich dabei selbst in der Hand. Auch dann, wenn jemand anders sehr überzeugt behauptet, den besseren Weg für mich zu kennen. Das ist für mich im Alltag gelebte Magie. Ich nehme das Unsichtbare wahr, erkenne die Möglichkeiten und forme daraus eine bewusste Entscheidung für mein eigenes leben.

Die Hexe als Grenzgängerin

Hekate als Hexengöttin mit ihrer Geschichte, Verehrung und vielen verschiedenen Aspekten ist auch ein Beispiel für die Hexe als Archetyp. 

Archetypen sind wiederkehrende innere Bilder und Grundmuster, die uns in Mythen, Märchen, Religionen, Träumen und Geschichten begegnen. Bekannt wurde dieser Begriff vor allem durch den Psychiater Carl Gustav Jung. Wir alle kennen solche Bilder: Die Mutter, die Herrscherin, die Liebende, die Rebellin, der Narr etc.

Ein Archetyp ist dabei viel größer als eine feste Rolle. Er sagt Dir weder, wer Du sein musst, noch wie Du Dich zu verhalten hast. Er bündelt Erfahrungen, Wünsche, Ängste und Kräfte in einem Bild, das wir intuitiv verstehen. Ein Mensch kann sich in mehreren Archetypen wiederfinden. Manche begleiten uns ein Leben lang. Andere treten in bestimmten Situationen in den Vordergrund.

Der Archetyp der Hexe sammelt viele widersprüchliche Bilder in sich. Sie kann weise, gefährlich, heilend, zerstörerisch, unabhängig, ausgegrenzt, verführerisch, alt, jung, freundlich oder furchteinflößend erscheinen. Diese Widersprüche gehören zu ihrer Kraft. Die Hexe lässt sich nur schwerlich auf eine einzige erlaubte Form reduzieren.

Darum werden unbequeme Frauen gern auch als Hexe "beschimpft". Vor allem Frauen, die sich für den Feminismus einsetzen. 

Klar, für mich hat die Hexe natürlich viel mit Spiritualität zu tun. Ich liebe Kerzen, Rituale, Kräuter und Magie - jenseits von Social Media Ästhetik. Und jenseits von der romantischen, aber leider historisch ungenauen, Erzählung der weisen Heilerinnen, die während der europäischen Hexenverfolgung getötet worden seien. Das Leid der Opfer, die überwiegend Frauen waren, besitzt seine Bedeutung auch ohne eine nachträglich erfundene Superkraft.

Die Hexe als solche steht für mich an der Grenze zwischen dem, was eine Gesellschaft von einer Frau erwartet und dem, was diese Frau selbst über sich weiß. Sie hört ihre eigene Stimme, obwohl andere lauter sprechen. Sie beansprucht Raum und trifft Entscheidungen.

Der Archetyp der Hexe verdichtet die gesellschaftliche Angst vor einer Frau, die sich schwer kontrollieren lässt und aus der (von Männern) vorgesehenen Ordnung fällt. Zu laut. Zu klug. Zu alt. Zu sexuell. Zu unnahbar. Zu zornig. Zu erfolgreich. Zu kinderlos. Zu wenig mütterlich. Zu mütterlich. Zu arm. Zu reich. Zu unabhängig. Es findet sich ziemlich schnell ein "zu", sobald eine Frau den Platz verlässt, den andere für sie vorgesehen haben.

Ich sehe die Hexe daher als Grenzgängerin, die sich zwischen sichtbarer und unsichtbarer Welt bewegt, zwischen gesellschaftlicher Erwartung und eigener Erkenntnis. Wie Hekate steht sie an Schwellen. Sie sieht mehrere Wege und spürt, welche Tür sich für sie öffnen soll. Sie kennt Schatten und Licht.

Jede Frau entscheidet natürlich selbst, ob der Archetyp der Hexe überhaupt für sie stimmig ist, obwohl Hexen vielfältig sind. Manche engagieren sich laut, politisch, öffentlich. Andere wirken im eigenen Leben, in ihren Familien, in ihrer Kunst oder in ihrer Arbeit. Selbstermächtigung hat viele Formen.

Was alle Hexen gemeinsam haben: Sie besitzen ihre eigene Autorität und halten die Schlüssel zu ihren Leben selbst. Genau das macht sie bis heute für viele so faszinierend und für starre Machtordnungen so unbequem.


Ein jahrhundertelanger Kampf

Die 1960er und 70er Jahre bilden einen sehr wichtigen Meilenstein der heutigen Frauenbewegung und wird gerne zitiert. Ihre Geschichte beginnt noch viele Generationen zuvor. Und doch müssen Frauenrechte immer wieder neu verhandelt werden. Frauen erkämpfen sich Zugang zu Bildung, Arbeit, politischer Mitsprache und rechtlicher Gleichstellung. Eine Generation öffnet eine Tür. Die nächste stellt fest, dass dahinter bereits die nächste verschlossene Tür wartet und oft erleben Frauen, wie Türen wieder zugeschlagen werden, die längst geöffnet schienen.

Schon zu Zeiten der Revolution von 1848 forderten Frauen im deutschen Raum politische Teilhabe. Louise Otto-Peters veröffentliche ab 1849 ihre "Frauen-Zeitung" und verlangte das "Recht der Mündigkeit" für Frauen. Gemeinsam mit Auguste Schmidt gründete sie 1865 in Leipzig den Allgemeinen Deutschen Frauenverein. Bildung und die Möglichkeit zu eigener Erwerbsarbeit standen im Mittelpunkt. 

In den 1870er Jahren forderte Hedwig Dohm das Frauenwahlrecht mit einer Klarheit, die damals als radikal galt. Überall in Europa organsierten sich Frauen. Sie schrieben, hielten Versammlungen ab, gründeten Vereine und machten politischen Druck. Manche Frauen verhandelten, andere schrieben, viele marschierten und fast alle riskierten Gefängnis und Gewalt. 

Die deutsche Frauenrechtsbewegung bestand aus unterschiedlichen Strömungen. Bürgerliche Frauenvereine, Sozialdemokratinnen, Gewerkschafterinnen und einzelne radikale Stimmen gingen politisch oft getrennte Wege, trafen sich jedoch beim Wahlrecht. Dieses trat im November 1918 in Kraft. Ein Schlüssel war erkämpft, dahinter warteten jedoch viele weitere verschlossene Türen.

Zwar sprach die Weimarer Verfassung sprach Frauen und Männern grundsätzlich die gleichen staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten zu, im Alltag und im Familienrecht blieb die männliche Vormachtstellung an vielen Stellen jedoch bestehen.

Dann kam der Nationalsozialismus. 1933 wurden eigenständige Frauenorganisationen aufgelöst und gleichgeschaltet. Die Ziele der bisherigen Frauenbewegung wichen einem staatlich vorgegebenen Frauenbild, das Mutterschaft und den Dienst an "Volk und Familie" betonte.

Nach 1945 musste die Gleichberechtigung erneut erstritten werden. Seit 1949 steht der Satz "Männer und Frauen sind gleichberechtigt." in Artikel 3 des Grundgesetzes, der tapfer von Elisabeth Selbert und Frieda Nadig erstritten wurde. Im Bürgerlichen Gesetzbuch lebte die alte Ordnung weiter. Der Ehemann galt als Oberhaupt der Familie, entschied in ehelichen Angelegenheiten und konnte sogar über den Arbeitsplatz seiner Frau bestimmen.

Nach wenigen gesetzlichen Veränderungen 1957/58 dauerte es erneut einige Jahre, bis Frauen wieder laut wurden. In den 1960er und 70er Jahren sprachen Frauen öffentlich über Erfahrungen, die vorher als persönlich, peinlich oder privat galten. Sie gründeten Frauenzentren, Frauenhäuser und autonome Gruppen. Sie hinterfragten Ehe, Sexualität, Arbeit, Familie, Gewalt und die Verteilung von Macht im Alltag.

In dieser Zeit kehrte auch die Hexe als politische Figur zurück, nachdem in Europa Gesetze gegen Hexerei fallen gelassen wurden, und auch als spirituelle Figur.

Erst 1997 wurde die Vergewaltigung in der Ehe strafbar. Das ist nicht so lange her. Ich war fünfzehn und im Radio liefen die Spice Girls. 

Solche historischen Überblicke und Einordnungen erscheinen manchen Menschen trocken und langweilig. Mich wühlen sie emotional auf und erschüttern. Diese Jahreszahlen zeigen, wie jung manche Rechte sind, die sich heute vollkommen selbstverständlich anfühlen. Fortschritt entsteht durch Menschen, die widersprechen, kämpfen, Mehrheiten gewinnen und Gesetze verändern. Aber er bleibt verletzlich, denn Errungenschaften sind umkehrbar

Wie Schlüssel wieder abgenommen werden

Der Iran zeigt auf besonders drastische Weise, was das bedeutet. 

Zeitlich liegt der entscheidende Bruch rund um die Islamische Revolution von 1979. In den Jahrzehnten davor hatten iranische Frauen wichtige Rechte gewonnen. Sie studierten, arbeiteten, wurden ins Parlament gewählt und übernahmen öffentliche Ämter. Die einseitigen Scheidungsrechte und Polygamie von Männern wurde eingegrenzt, Familiengerichte gestärkt und das Heiratsalter für Mädchen und Frauen angehoben. Fotos aus Teheran in den 1960er und 70er Jahren zeigen Frauen in Hosen, westlicher Mode und kurzen Röcken.

 Zwar blieb die Gleichberechtigung unter dem Schah unvollständig, das Land wurde autoritär regiert, die sozialen Unterschiede waren groß und die rechtliche Stellung von Frauen blieben in mehreren Bereichen ungleich. Trotzdem waren reale Rechte vorhanden. Nach der Revolution wurden viele davon eingeschränkt oder abgeschafft. 

Frauen, die sich den Kleidungsvorschriften, die gesetzlich verankert sind, widersetzen, erfahren heute mehr Verfolgung denn je. Sie riskieren ihre Freiheit und ihr Leben. Der Tod von Jina Mahsa Amini im September 2022 nach ihrer Festnahme durch die sogenannte Sittenpolizei löste weltweit Empörung aus. Geändert hat sich nichts. Denn es geht hier nicht um kleine Zugeständnisse, sondern um die Deutungshoheit eines ganzen Systems. Trotzdem kämpfen Frauen in der Bewegung "Frau, Leben, Freiheit" und in anderen Gruppen auch heute noch mutig für den Wandel und riskieren dafür ihre Freiheit und ihr Leben.

Der Iran zeigt damit zum einen, wie gründlich ein Staat Frauen bereits errungene Rechte nehmen kann und wie beharrlich Frauen ihre Schlüssel zurück fordern.

Leider ist auch der weltweite Blick beunruhigend. UN Women berichtete 2025, dass Regierungen in einem Viertel der untersuchten Staaten Gegenbewegungen und Rückschritte bei Frauen wahrnahmen. Das sieht sicherlich in jedem Land anders aus: Gesetze werden verschärft, Schutzangebote geschwächt, Gleichstellungspolitik lächerlich gemacht oder traditionelle Geschlechterrollen politisch aufgewertet.

Natürlich wird der Entzug von Freiheit selten so angekündigt. Üblicherweise spricht er von natürlicher Ordnung, traditioneller Familie und wahrer Weiblichkeit. Und von Männern, die führen und Frauen, die sich endlich wieder fallen lassen dürfen. 

Auch hier lohnt sich ein Blick darauf, wer genau eigentlich die Schlüssel hält.

Gewalt nimmt Frauen ihre Handlungsmacht

Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie es sich anfühlt, die Stimmung eines Mannes schneller zu erfassen als die eigene. Aus Angst schon beim Betreten eines Raumes zu prüfen, wie die Lage ist und welche Worte heute wohl meine Sicherheit bedrohen. Ich kenne das Abwägen vor einem Satz, das vorsichtige Formulieren und auch das Schweigen, weil Schweigen in diesem Moment weniger gefährlich erscheint. 

Ich kenne auch die Zweifel danach. War es wirklich so schlimm? Habe ich übertrieben? Übertreibe ich jetzt? Hätte ich mich anders verhalten sollen? 

Solche Gedanken entstehen, wenn die eigene Wahrnehmung lange genug erschüttert wurde. Irgendwann überwacht eine Frau sich selbst, noch bevor der Mann es tun muss. 

Genau darin liegt nämlich die Funktion von Gewalt: Sie schafft Kontrolle! Sie hält Frauen klein, verunsichert sie und macht ihren Lebensraum immer enger. Körperliche und sexualisierte Gewalt gehören ebenso dazu, wie Drohungen, Demütigungen, Überwachung, wirtschaftliche Kontrolle und soziale Isolation.

Die meisten Frauen beginnen dann, sich anzupassen. Wenn ich ruhiger spreche, wird er vielleicht nicht wütend. Wenn ich das Thema vermeide, bleibt der Abend friedlich. Wenn ich weniger Raum brauche, fühlt er sich nicht angegriffen. Wenn ich den richtigen Moment erwische, hört er mir vielleicht zu.

All diese Gedankengänge kenne ich sehr gut. Und ja, Anpassung schafft kurzfristig Ruhe. Sicherheit schafft sie selten. Stück für Stück wandert der eigene Schlüsselbund dabei in die Tasche des anderen.

Wenn Du selbst Gewalt erlebst oder unsicher bist, erreichts Du das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" unter 116 016 rund um die Uhr, anonym und kostenfrei. In akuter Gefahr gilt die 110!

Körperliche Gewalt steht meist am Ende eines Spektrums. Weiter vorne, meist viel früher beginnend, liegen die kleinen Grenzüberschreitungen des Alltags. Sie wirken harmloser, wiederholen aber dieselbe Botschaft. Der Mann kontrolliert das Verhalten der Frau.

"Lächle doch mal."
"Stell Dich nicht so an, es war doch ein Kompliment."
"Bist Du sicher, dass Du das alleine kannst?"
"Mit ein paar Kilo weniger wärst Du (wieder) richtig hübsch."
"Ich will nicht, dass andere Männer Dich in diesem Kleid sehen."
"Wenn Du mit Deinen Freundinnen in den Club gehst, komme ich mit, um auf Dich aufzupassen."
"Wenn Du nicht willst, dass man Dich kommentiert, dann zeig Dich nicht."

Manche Kommentare sexualisieren, andere stellen Kompetenz in Frage und wieder andere erinnern eine Frau daran, dass ihre Lebensentscheidungen offenbar eine Genehmigung durch Ehemann, Familie oder zufällige Menschen im Internet braucht. Sagt sie Nein oder wehrt sich, folgt gern die nächste Abwertung: humorlos, hysterisch, empfindlich, aggressiv.

Internalisierte Misogynie

Manchmal übernehmen Frauen diese Regeln und Aussagen völlig unreflektiert und geben sie an andere Frauen weiter. Internalisierte Misogynie bedeutet, dass Frauen unbewusst die sexistischen Vorurteile und Abwertungen gegenüber Frauen aus einer patriarchalen Gesellschaft in das eigene Denken übernehmen und traditionell männliche Eigenschaften für wertvoller halten. Das kann sich dann ausgesprochen weiblich präsentieren. Dann werden Körper bewertet, Lebensformen, Sexualität, Mütterlichkeit, Kariere und Alter. Sie klingt oft wie ein gut gemeinter Rat. Ihr Inhalt bleibt derselbe: Pass Dich an, dann hast Du weniger Probleme.

Auf Spielplätzen begegnet uns diese Abwertung als "Müttermafia". Eine Mutter stillt zu kurz, zu lange oder zu öffentlich oder gibt die Flasche. Eine Mutter trägt ihr Kind zu viel oder zu wenig. Eine Mutter arbeitet zu früh wieder, zu viel oder bleibt zu Hause. Das Kind trägt die falschen Schuhe, isst den falschen Snack und hat zu viele oder zu wenige Hobbies. Für jede Entscheidung findet sich eine andere Mutter, die darin den drohenden Untergang des Kindes erkennt.

Manchmal trägt die internalisierte Misogynie einen Arztkittel aus dem Kostümfundus. 
"So viel Gewicht ist ja auch nicht gut."
"An Dir ist ja gar nichts mehr dran."
"Wie, Du supplementierst gar nicht?"
"Du trinkst doch nicht etwa Kuhmilch?"
"Du siehst aber müde aus."

Gesundheit scheint eine gesellschaftlich akzeptierte Eintrittskarte, um Gewicht, Essen und Aussehen einer anderen Frau zu kommentieren. Direkt gefolgt von:
"Willst Du Dich nicht wenigstens ein bisschen schminken?"
"Deine Haare könntest Du auch mal wieder machen."

Oberflächlich klingt das nach Tipps und Sorge. Darunter liegt meistens eine härtere Bewertung. Eine Frau soll angenehm anzusehen sein. Sie soll gepflegt, freundlich und begehrenswert wirken. Selbstverständlich zu jeder Zeit. Beim Brötchenholen, auf dem Spielplatz, im Büro und nach einer schlaflosen Nacht.

In einem "Ich bin einfach ehrlich." gefolgt von einem Schulterzucken liegt das brutale Urteil über Frauen, die sich diesem Anspruch entziehen: unfuckable.

Der Wert einer Frau wird daran gemessen, ob die Allgemeinheit sie attraktiv und sexuell verfügbar findet. Eine müde, ungeschminkte, unfrisierte, alte oder dicke Frau begeht in diesem Denken beinahe einen öffentlichen Regelverstoß. Sie wagt es, einfach zu existieren, ohne sich für den Blick anderer herzurichten.

Doch bitte glaub nicht, dass Du sicher wärst, wenn Du Dich schminkst, Deine Haare frisierst oder verzierte Gel-Fingernägel trägst. Dann bist Du selbstverständlich unnatürlich, übertrieben und "hast es nötig".

Dennoch verstehe ich die Sehnsucht

Unsere Gegenwart ist anstrengend. Frauen sollen finanziell unabhängig sein, beruflich erfolgreich, liebevoll, sexuell verfügbar und selbstbewusst, körperlich optimiert, politisch informiert und innerlich ausgeglichen. Der Haushalt läuft selbstverständlich nebenher. Das Brot ist selbst gebacken und die Kinder haben weder Flecken auf der Kleidung noch schlechte Laune.

Ich verstehe jede Frau, die sich bei diesem Programm nach einer klaren Zuständigkeit sehnt. Denn die Vorstellung kann ja durchaus beruhigend sein. Einer verdient das Geld, eine kümmert sich um Haushalt und Familie. Jeder weiß, was zu tun ist. Niemand muss jeden Tag fünfzig Rollen gleichzeitig erfüllen.

Eine Frau darf dieses Leben wählen. Natürlich. Sie darf gern zu Hause sein, Hausarbeit lieben, Kinder versorgen und sich von ihrem Mann finanziell tragen lassen. Fürsorge und Hausarbeit sind wertvolle Arbeit. Der Feminismus gewinnt gar nichts, wenn er die Tätigkeiten abwertet, die über Generationen hauptsächlich Frauen übernommen haben.

Unruhig und sogar wütend werde ich, sobald aus einer persönlichen Lebensentscheidung die einzig richtige Form von Weiblichkeit wird.

Viele Tradwife-Inhalte zeigen eine sehr sorgfältig ausgeleuchtete Version traditioneller Geschlechterrollen. Er führt, sie folgt. Seine Entscheidungsmacht heißt Schutz. Ihre Abhängigkeit heißt Vertrauen. Rentenlücken, fehlende Berufserfahrung, finanzielle Kontrolle und die Frage nach einem möglichen Ausstieg bleiben außerhalb des Bildausschnitts. 

Besonders schräg finde ich Frauen, die mit diesen Videos sehr erfolgreich Geld verdienen und gleichzeitig anderen Frauen wirtschaftliche Abhängigkeit empfehlen.

Genau darin liegt meine Kritik am Tradwife-Trend. Sie gilt einem Frauenbild, das Abhängigkeit verklärt, Gehorsam weiblich nennt und persönliche Vorlieben zur moralischen Norm erhebt. 

Türsteherinnen der Witch-Bubble

Über männliche Deutungshoheit und internalisierte Misogynie lässt sich leicht sprechen, wenn man sich spirituell erleuchtet fühlt.

Aber auch in spirituellen Kreisen und der sogenannten Witchtok-Bubbel (also Hexen in den sozialen Medien) stehen Frauen, die kontrollieren wollen, wer dazugehören darf.

"Du bist keine echte Hexe, wenn Du nicht vegan lebst."
"Du darfst kein Geld für Deine Arbeit verlangen, sie ist ein Geschenk Gottes."
"Du musst Dich politisch äußern."
"Du musst politisch neutral bleiben."
"Wie? Du kaufst Materialien? Man findet doch alles im Wald!"

Je nach Gruppe braucht man die richtige Tradition, die richten Werkzeuge und selbstverständlich nicht mehr oder anderes Wissen oder Vorstellungen. Irgendjemand entdeckt immer einen vermeintlichen Makel, der einer anderen Frau das Hexesein absprechen soll.

Für mich ist das Gatekeeping. Eine Frau verlässt eine alte Ordnung und steht gleich vor der nächsten Tür, an der jemand ihre Berechtigung prüft. Selbstverständlich dürfen Gruppen ihre eigenen Spielregeln vereinbaren. Selbstverständlich darf man wählen, wen man mitspielen lassen möchte. Doch wird ein spiritueller Raum für mich dort problematisch, wo er Frauen kleiner, gehorsamer oder ängstlicher macht.

Die Hexe an der Wegkreuzung

Wenn ich in diesem Artikel von Frauen schreibe, meine ich cis-Frauen, Transfrauen und alle Menschen, die sich als Frauen verstehen. 

Mir ist dennoch bewusst, dass Frauen die Welt sehr unterschiedlich erleben. Herkunft, Hautfarbe, Behinderung, Geld, sexuelle Orientierung, Alter und Religion beeinflussen, welche Türen sich öffnen und vor welchen eine Frau immer wieder ihre Berechtigung erklären muss. 

Meine Solidarität ist nicht grenzenlos. Sie hat eine klare Grenze bei der Rechtfertigung von Gewalt, bei autoritäter Politik und bei Angriffen auf die Freiheit anderer Menschen. Auch Frauen können patriarchale Strukturen mittragen, rassistisch oder transfeindlich handeln. Auch Frauen können andere Frauen demütigen oder ihre eigene Lebensform zur Vorschrift erheben. Der Inhalt entscheidet, ob eine Aussage feministisch ist, nicht das Geschlecht der Person, die spricht. 

Darum wünsche ich mir, dass Du auch bei anstehenden Wahlen (ganz gleich, ob die Berliner Wahlen oder andere), genau hinschaust. 

Politik ist nicht egal. Politik entscheidet über die Finanzierung von Frauenhäusern und Beratungsstellen. Sie gestaltet Bildung, Arbeit, Pflege und soziale Absicherung. Sie beeinflusst, wie wir Frauen leben können. Sie entscheidet darüber, ob demokratische Institiutionen geschützt werden oder Schritt für Schritt geschwächt.

Das Frauenbild einer Partei zeigt sich lange vor ausdrücklichen Verboten. Es zeigt sich in dem, was sie fördert, erschwert, lächerlich macht oder zur moralischen Norm erklären will. 

Ich halte den Wahlzettel deshalb für einen Schlüssel zur eigenen Lebensgestaltung. Frauen vor uns haben dafür gekämpft, dass wir ihn besitzen. Wir dürfen ihn benutzen. Ein kleines Kreuz auf Papier wirkt unscheinbar. Viele Kreuze entscheiden darüber, wer später den großen Schlüsselbund in der Hand hält.

Vielleicht ist das die Hexe unserer Zeit: eine Frau an einer Wegkreuzung, den eigenen Schlüsselbund in der Hand. Hinter ihr liegen Erwartungen, Regeln und Erfahrungen. Vor ihr liegen mehrere Wege. Freiheit schenkt uns die Wahlmöglichkeit. Hekate steht für mich an solchen Schwellen. Mit ihren Fackeln macht sie sichtbar, was im Dunkeln liegt. Ihre Schlüssel erinner mich daran, dass Türen geöffnet und geschlossen werden können. Die Entscheidung bleibt meine. 

Ich darf Verantwortung tragen und mich trotzdem selbst wichtig nehmen. Ich darf Hilfe brauchen und wirksam bleiben. Ich darf mich irren, umkehren und einen anderen Weg wählen.

Und wenn meine Kraft gerade nicht reicht, brauche ich einen Schutzkreis. Frauen, die Türen aufhalten. Frauen, die mich an meine eigene Stimme erinnern. Frauen, die meine Freiheit respektieren und mir meinen Schlüssel zurückgeben, wenn ich selbst nicht mehr weiß, wo ich ihn finde. 

Machtstrukturen profitieren davon, wenn jede Frau allein bleibt: mit ihrer Angst, ihrer Scham, ihrem finanziellen Risiko und ihrem angeblich ganz privaten Problem.

Unsere stärkste Antwort darauf ist eine verlässliche, praktische und manchmal unbequeme Solidarität.

Frauen aller Länder vereinigt Euch!

Über die Autorin

Ich bin Stefanie Gralewski und das hier ist mein Blog. Es ist kein Anleitungsblog, nicht gefüllt mit Weisheiten oder weltbewegenden Themen.

Ich teile hier meine Gedanken, Ansichten und Ideen mit dem, der es lesen möchte.

Mein Alltag ist zuweilen anstrengend, magisch, nachdenklich, lustig – aber immer voller Neugier auf das Leben.

  • Danke, liebe Stefanie. Du sprichst mir aus der Seele. Viele Erinnerungen werden wach: was wurde mir alles erzählt als Kind, wie ich als Frau zu sein hätte (ich bin 68), was haben wir Frauen alles erreicht! Was jetzt bedroht ist, ohne dass viele sich das bewusst machen. Heute morgen ist mir eingefallen, wie ich als Studentin vor 40 Jahren in einem Urlaub in Frankreich mehrfach sexuell von Männern belästigt wurde, einmal bin ich sogar um mein Leben gerannt. Und wie war die Reaktion – sowohl von Männern als auch von Frauen ? ‚“Was du immer anstellst! Typisch Ellen.“ Ich dachte, wir hätten inzwischen alle begriffen, dass nicht die Frauen „selbst schuld“ sind an Übergriffen durch Männer. Dass nicht die Frauen ihr Verhalten ändern müssen. Aber es fühlt sich so an, als wären vielen Frauenrechte nicht mehr so wichtig. Ich kann das nicht nachvollziehen und fürchte den Ausgang der anstehenden Wahlen.

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